UpNextDrama · Kostenlose Serien zum Weiterlesen: noch ein Kapitel.

Jenseits des Frühlingswinds, Roman · Kapitel 1 von 24

Kapitel 1: Die Schachtel

Die Schachtel kam an einem Dienstag, drei Wochen nach Roz’ Beerdigung.

Ich war einundsiebzig Jahre alt und stand mit einem Becher kaltem Tee im Büro der Kittredge-Werft.

Der Kurier war ein Junge in grauer Uniform.

Er stellte einen Pappkarton auf meinen Schreibtisch und bat mich, den Empfang zu bestätigen.

Als Absender war eine Anwaltskanzlei in Oregon angegeben.

Ich kannte niemanden in Oregon.

Dann las ich den Namen auf dem Etikett, und meine Hände erstarrten.

Rosalind Tilghman.

Einst meine beste Freundin.

Sie hatte die Stadt im Sommer verlassen, in dem Dean ertrank, und ich hatte fünfzig Jahre lang ihre Stimme nicht mehr gehört.

Vor einem Monat hatte ich ihren Namen in einer Todesanzeige gelesen.

Ich schnitt das Klebeband mit dem Brieföffner auf, den meine Mutter immer in dieser Schublade aufbewahrte.

Das Erste, was darin lag, war ein Foto.

Eine Frau in einem Garten, weißhaarig, lachend, umgeben von ihren drei erwachsenen Kindern.

Neben ihr stand ein alter Mann, dessen sandfarbenes Haar inzwischen silbern geworden war.

Er hatte ein unbekümmertes Lächeln.

Ich kannte dieses Lächeln.

Fünfzig Jahre lang hatte ich diesem Lächeln nachgetrauert.

Dean Mallory sollte am zweiten Mai 1976 in der Bucht ertrunken sein.

Seinen Körper fand man nie.

Ich war achtzehn und trug ein Jahr lang Schwarz.

Ich habe nie geheiratet.

Ich führte erst die Werft meines Vaters, dann meine eigene, und bewahrte Deans Ring in der obersten Schublade dieses Schreibtischs auf.

Ich drehte das Foto um.

Auf der Rückseite stand in Roz’ schwungvoller Handschrift: „Dean und ich, zu unserem vierzigsten Hochzeitstag, 2017.“

Es gab noch mehr.

Dean an einem Küchentisch, ein Enkelkind auf dem Knie.

Dean mit einer Angel an einem Fluss, der nicht die Chesapeake Bay war.

Dean und Roz an einem Strand, braun gebrannt und glücklich, Hand in Hand.

Unter den Fotos lag ein Brief, drei Seiten, in Drittel gefaltet.

Die erste Zeile las ich im Stehen.

„Thea, ich sterbe, und ich bin es leid, feige zu sein.“

Ich setzte mich.

Den Rest las ich sehr langsam.

Sie schrieb, sie sei die Tochter unseres Vaters, elf Monate vor mir geboren, und er habe sie mein ganzes Leben lang auf der anderen Seite der Bucht versteckt gehalten.

Sie schrieb, dass sie und Dean monatelang darauf hingearbeitet hätten.

Sie schrieb, dass er weder die Werft noch mich je geliebt habe, sondern nur das, was sich mit der Werft kaufen ließ.

Sie schrieb, unser Vater habe von dem Plan gewusst und weggesehen.

Sie schrieb, ich sei die Einfältige gewesen.

„Du warst dir so sicher, dass er zurückkommen würde, dass wir uns gar nicht weit verstecken mussten“, schrieb sie.

„Du hast die Marineakademie für einen Jungen aufgegeben, der längst fort war.“

Meine Brust zog sich zusammen.

Ich erinnerte mich an den Tag, an dem ich dem Kongressabgeordneten geschrieben und abgesagt hatte.

Ich erinnerte mich daran, wie stolz Dean ausgesehen hatte.

Ich erinnerte mich an Ellis Dorsey, den Nachrücker, der an meiner Stelle den Platz bekam.

Ich hatte im Fernsehen zugesehen, wie er als Admiral in den Ruhestand verabschiedet wurde, in einer Galauniform voller Orden.

Ich hatte mir eingeredet, dass ich dieses Leben nie gewollt hatte.

Der Brief zitterte in meiner Hand.

Fünfzig Jahre.

Fünfzig Jahre lang hatte ich den Ring eines Toten in einer Schublade aufbewahrt.

Ich versuchte aufzustehen, zu der Schublade zu gehen und den Ring in die Bucht zu werfen.

Mein linker Arm ließ sich nicht heben.

Das Büro kippte zur Seite.

Der Becher fiel zu Boden und zerbrach.

Ich hörte jemanden meinen Namen sagen, obwohl niemand da war.

Ich hörte Möwen, Wasser gegen einen Schiffsrumpf schlagen und ein Radio, aus dem etwas von vor sehr langer Zeit kam.

Dann schloss sich die Dunkelheit über mir.

Ich erwachte im Sonnenlicht.

Es fiel warm und gelb auf mein Gesicht, und das Fenster stand offen.

Unten briet jemand Speck.

Mein Körper fühlte sich seltsam an.

Er fühlte sich leicht an.

Ich richtete mich auf, und mein Zopf glitt über meine Schulter, dick, dunkel und schwer.

Ich sah meine Hände an.

Sie waren glatt und vom Leben am Kai gebräunt.

An meinem linken Ringfinger saß ein kleiner Diamantring, den Dean mir vor zwei Nächten geschenkt hatte.

Ich starrte auf das Zimmer.

Rosa Tapete, die sich an einer Ecke löste.

Eine Ruder-Trophäe.

Ein Kalender von Hubbard’s Eisenwarenladen.

April 1976.

Auf dem Schreibtisch unter dem Fenster lag ein dicker, cremefarbener Umschlag.

Als Absender war die Marineakademie in Annapolis angegeben.

Ich hob ihn mit beiden Händen auf.

Ich wusste genau, was darin stand.

Ich hatte ihn vor dreiundfünfzig Jahren in diesem Zimmer gelesen und dann in eine Schublade gelegt.

Unten hörte ich, wie sich die Küchentür öffnete.

Die tiefe, selbstzufriedene Stimme eines Mannes drang die Treppe herauf.

„Keine Sorge, Eldon. Sie ist ein liebes Mädchen.“

Mein Vater sagte etwas, das ich nicht verstehen konnte.

Dann wieder diese Stimme, gelassen und warm.

Die Stimme, der ich fünfzig Jahre lang nachgetrauert hatte.

„Bis Freitag unterschreibt sie die Absage.“

Alle Kapitel · Kapitel 2 →