Wie ich meinen Bodyguard knackte, Roman · Kapitel 1 von 24
Kapitel 1: Hintereingang
Die Bar an der Halsted Street hatte ein kaputtes Neonschild und eine Hintertür, die klemmte.
Ich hatte sie von einer Liste mit Orten ausgesucht, an die die Männer meines Vaters nie gingen.
Ich war dreiundzwanzig und hatte noch nie selbst entschieden, mit wem ich nach Hause ging.
Heute Abend hatte ich es vor.
Ich trug ein schwarzes Kleid, das ich in einem Wäschesack versteckt hatte, und war um neun durch das Fenster der Speisekammer geklettert.
Um neun Uhr zehn saß ich auf einem Barhocker und hatte einen Whiskey Sour vor mir, den ich gar nicht wollte.
Um neun Uhr fünfzehn lehnte ein Mann im Flanellhemd neben mir an der Bar.
Er hatte ein nettes Lächeln und ein Spatzen-Tattoo am Handgelenk.
„Du siehst aus, als würdest du auf jemanden warten“, sagte er.
„Ich warte auf niemanden“, sagte ich. „Genau darum geht es.“
Er lachte und fragte mich nach meinem Namen.
Ich holte gerade Luft, um zu lügen, da schloss sich eine Hand um meinen Ellbogen.
Ich kannte diese Hand.
Sie war warm, drückte nie zu fest und hatte mich in drei Jahren aus drei Autotüren und einem Notausgang gezogen.
„Miss Santoro“, sagte Rafe Basile. „Wir müssen gehen.“
Zehn Minuten.
Ich hatte es zehn Minuten geschafft.
Der Mann im Flanellhemd sah den schwarzen Anzug und den Ohrstöpsel und nahm seinen Drink mit woandershin.
Ich drehte mich auf dem Hocker um.
Rafe stand vor mir, den Kiefer angespannt und die grauen Augen ruhig.
Er war eins neunzig groß und nahm den ganzen Gang ein.
Eine blasse Narbe zog sich durch seine rechte Augenbraue, und auf seinem Kopf saß jedes Haar perfekt.
„Du bist aus dem Fenster geklettert“, sagte er.
„Ich habe das Fenster der Speisekammer genommen.“
„Ich weiß, welches Fenster. Ich habe dich von der Garage aus dabei beobachtet.“
Ich starrte ihn an.
„Du hast mir beim Weggehen zugesehen und bist mir dann gefolgt?“
„Ich bin dir sechs Blocks zu Fuß gefolgt“, sagte er. „Ich wollte sehen, wohin du gehst.“
„Das ist doch verrückt.“
„Das ist mein Job.“
„Dein Job ist es, vor Türen zu stehen.“
„Mein Job ist es, dich lebend nach Hause zu bringen“, sagte er. „Aufstehen.“
Ich rührte mich nicht.
Ich würde mich nicht aus einer Bar schleifen lassen. Nicht ausgerechnet aus dem einen Ort, den ich selbst ausgesucht hatte.
„Zwing mich“, sagte ich.
Er sah mich einen langen Moment an.
Dann beugte er sich zu mir, bis sein Mund nahe an meinem Ohr war. Seine Stimme sank so tief, dass nur ich sie hören konnte.
„Fordere mich nicht heraus, Livia.“
Er hatte noch nie meinen Vornamen benutzt.
Ein Schauer lief mir direkt den Rücken hinunter, und ich vergaß, worüber ich mich geärgert hatte.
Er nahm mich am Ellbogen, und ich ließ es zu.
Er führte mich am Billardtisch vorbei zum Hinterflur, weil er nie den Vordereingang benutzte, und stemmte sich mit der Schulter gegen die klemmende Tür.
Die Gasse roch nach Regen und Müll.
Sein Wagen stand am anderen Ende, die Lichter ausgeschaltet.
„Sechs Meter“, sagte er. „Geh.“
Ich machte einen Schritt in meinen Absätzen.
Über uns zersprang ein Fenster.
Eine halbe Sekunde später hörte ich den Schuss, flach und hässlich.
Rafe warf sich auf mich, bevor der zweite Schuss fiel.
Mit seinem ganzen Körper presste er mich gegen die Backsteinwand.
Ein Arm schützte meinen Kopf.
Ein dritter Schuss.
Etwas riss ihn mit einem heftigen Ruck zurück, und er stöhnte in mein Haar.
„Rafe.“
„Bleib unten.“
Er drehte sich um, eine Pistole in der freien Hand, die ich ihn noch nie ziehen gesehen hatte.
Er schoss zweimal auf das Dach auf der anderen Seite der Gasse.
Eine Gestalt verschwand hinter der Brüstung, und auf der nächsten Straße sprang ein Wagen an und raste davon.
Dann war es still, bis auf den Regen.
Er zog mich am Handgelenk zum Wagen und stieß mich auf den Rücksitz.
Er setzte sich ans Steuer und fuhr mit einer Hand.
Der andere Arm hing an seiner Seite.
Ein dunkler, nasser Fleck breitete sich auf dem Ärmel seines Jacketts aus und tropfte auf das Leder.
„Du bist angeschossen“, sagte ich.
„Der Schuss ist durchgegangen.“
„Du blutest den Sitz voll.“
„Dann halt den Kopf unten, damit du ihn nicht auch noch vollblutest.“
Meine Hände zitterten.
Ich beugte mich über den Sitz und presste meine Handfläche fest auf seinen Arm oberhalb der Wunde.
Er zischte zwischen den Zähnen, stieß mich aber nicht weg.
Sein Handy vibrierte im Getränkehalter.
Ich las die Nachricht, weil der Bildschirm direkt vor meinem Gesicht aufleuchtete.
Sie war von meinem Vater und vor vier Minuten abgeschickt worden.
„Silvio Brandolini wird beim Sonntagsessen dabei sein. Sag ihr, dass die Hochzeit feststeht.“